Niels Rohde – Geschichten von früher: “Frieda Boysen”

In dem alten Kapitänshaus gegenüber von uns lebte Frieda Boysen mit Ihrem Mann Jacob. In Itzehoe wurde sie geboren und erreichte das Alter von 87 Jahren. 

Noch jung an Jahren war sie schon weit in der Welt herumgekommen. Als Kindermädchen reiste sie mit einer reichen Familie auf Segelschiffen mehrmals nach Übersee und sprach englisch und ein bißchen spanisch. Über 10 Jahre arbeitete sie in Amerika. 

Ihren Mann lernte sie kennen, als sie in Wenningstedt zu Gast war. Zu seinem Hof gehörte viel Land, und als sie den Witwer Jacob heiratete, steckte sie ihr ganzes im Ausland erarbeitetes Geld in den Hof und mußte erst einmal das heruntergewirtschaftete Gehöft in Ordnung bringen. 

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Nach dem Kriege, als wieder Sommergäste auf die Insel kamen, verdiente sie ihr Geld mit Vermietung und hatte Platz für 40 Essensgäste. Einmal, als zur Mittagszeit bei uns im Friesenhof die Kartoffeln ausgingen, schickte meine Großmutter ein Mädchen hinüber zu Frieda Boysen, und mit gekochten Kartoffeln, die sie in ihrer Schürze trug, kam sie zurückgerannt und rief schon von weitem: “Ick heff welk!“ So halfen sich die Nachbarn hier schon immer gegenseitig. 

Das Wohnzimmer gleich links vom Eingang war etwas rummelig, aber gemütlich. Auf dem alten Sofa hielt Jacob seinen Mittagsschlaf und die Wanduhr tickte. An den alten Sachen auf dem Boden war ich als Junge sehr interessiert, und wenn ich Oma Boysen fragte, ob ich mal hochklettern durfte, dann schimpfte sie: “Du dumme Jung, wat wüst du denn wedder dor boben?!“

 Die Küche hatte einen Fliesenfußboden, lag nach Norden und war im Sommer schön kühl. Unter dem Wasserhahn stand ein riesiger Tontopf, den hatte ein Seemann von weiter Reise mitgebracht. Frieda Boysen verschenkte ihn irgendwann, und heute steht er in einem Haus in Archsum. Die Schubladen ihres Küchenschranks waren immer offen, die unterste am weitesten. So konnte sie jederzeit bequem hineingreifen. 

Vor 1900 befand sich in dem Hause die Poststelle. Ich kann mich erinnern, daß eine Art Schalter in einer Wand war, der war rundum gelb angestrichen. 1907 baute Jens Boysen nebenan das Posthaus, und man konnte durch eine Tür direkt in die Post gelangen. 

An der Schlafzimmertür des Ehepaares hing ein Spruch: “Im Juni, Juli und August enthalte dich der Leibeslust!“ Aber hat man sich damals daran gehalten? Und heute, wo die Saison doch viel länger dauert? 

Frieda Boysen sagte manchmal zu mir: “Mein Mann war ein stolzer Reiter!“ oder: “Vater, sagte ich immer zu meinem Manne….!“ Aber Jacob liebte es auch, vor dem Haus über die Gartenpforte zu lehnen und Vorübergehende zu fragen: „Gibt´s was Neues?“ Oder über die zu langen Röcke der jungen Frauen zu spotten. 1958, im Alter von 80 Jahren, starb Jacob. Frieda kam über die Straße zu meiner Oma gelaufen und rief: “Er ist tot, er ist tot!“ 

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In einer Sturmnacht im Februar 1962 brach das baufällige Gebäude zusammen. Da saß Oma Boysen am Fenster und weinte. Wertvolle Grundstücke, mitten im Ort gelegen, verkaufte sie und darüber waren die Erben sehr erbost. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einem Heim in Deezbüll auf dem Festland. Sie starb friedlich im Januar 1974. Auf dem Keitumer Friedhof haben beide ihre letzte Ruhe gefunden. Ihr Nachbar, der Wenningstedter Bäckermeister Heinrich Jessen erwarb 1976 das 300 Jahre alte Haus, restaurierte und erfüllte es mit seiner Familie mit Leben. Es heißt jetzt „Friesenhaus Boysen“.

Niels Rohde